Halona Hilbertz:



Ich bin bildende Künstlerin, seit April 1995 "diplomiert".
Geboren in Austin,Texas; weiter aufgewachsen in München und Düsseldorf; studiert in Saarbrücken und kurz in Halifax, Canada.

Der Großvater, um den es hier geht, arbeitete zwar lebenslang bei der Bank, wollte aber ursprünglich Künstler werden.
Das ging nicht, verlor er doch seinen Vater mit fünfzehn Jahren aufgrund eines Unfalls.
Er mußte seine Mutter und zwei jüngere Brüder ernähren.

Der Vater hatte einen Freund ans Steuer seines Automobils gelassen, welcher gegen einen Baum fuhr.
Mein Urgroßvater war sofort tot, sein Freund überlebte ohne einen Kratzer.

Zurück zu meinem Großvater: er malte - mit Glasauge - bis ins hohe Alter.
Wunderbare Landschaften, die ich nicht nur als Enkelin, sondern auch als Künstlerin schätze.

Das Jackett meines Großvaters

Ein wichtiges Kleidungsstück für mich ist das Jackett des Vaters meines Vaters.

Zu Besuch bei meinen sehr geliebten Großeltern 1985 fragte ich an, ob mein Großvater ein altes Jackett für mich habe, eines, das sich möglichst riesig um mich legen würde.
Ich war vierzehn und sehnte mich nach Kleidung von großen Männern meiner Familie, in denen ich meinen doch allmählich weiblicher werdenden Körper zum einen verstecken und zum anderen beschützen könnte.
Schon das Wissen, in einem Kleidungsstück meines Bruders, Vaters oder Großvaters herumzulaufen, gab mir Sicherheit - und ließ mich ihnen nahe sein, die immer eher weit weg zu sein schienen, in Amiland oder sonstwo.

Ich meine mich zu erinnern, daß damals in den achtziger Jahren eine gewisse Androgynität in war.
Schulterpolstern für alle, Boy George und so.

Das Jackett trug ich sehr viel in meiner Teenie-Zeit.
Nun hing es seit Jahren untätig in meinem Kleiderschrank, aber ich konnte mich nicht von ihm trennen.

Mein Großvater ist im August 1995 gestorben.
Ich denke, das ist der richtige Zeitpunkt, mich von dem Material zu lösen, wie ich mich vom Körper meines Großvaters verabschieden mußte, was mir als zurückbleibenden Lebenden ungeheuerlich wehtat.
Er war der erste geliebte Mensch, der mir "wegstarb".

In irgendeiner Form bleibt mir aber seine Seele, ebenso wie die Idee des Jacketts bei mir bleiben wird.

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